Reha-Kolloquium 2025 in Nürnberg – ein Rückblick 28.03.2025

Portrait von Annabelle Neudam
Annabelle Neudam (Autor:in)
M. Sc. Health Care Management

Geschäftsführerin

DAS REHAPORTAL

Zuletzt aktualisiert: 28.03.2025 | Lesedauer: ca. 7 Min.

Das Reha-Wissenschaftliche Kolloquium hat sich als bedeutendster Reha-Kongress im deutschsprachigen Raum etabliert. In diesem Jahr versammelten sich vom 18. - 20. März in Nürnberg über 1.500 Teilnehmende aus Forschung, Praxis und Gesundheitspolitik, um aktuelle Entwicklungen in der Rehabilitation zu diskutieren. Gastgeber des diesjährigen bereits 34. Kolloquiums waren die Deutsche Rentenversicherung Bund & Deutsche Rentenversicherung Nordbayern, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften e.V. (DGRW).

Das Team des REHAPORTALS war mit einem Ausstellungsstand vor Ort und konnte zahlreiche Gespräche mit interessierten Kliniken, langjährigen Mitgliedern und geschätzten Kooperationspartnern führen.

Das Programm umfasste über 300 wissenschaftliche Vorträge und Poster zu aktuellen Themen aus der Reha- und Versorgungsforschung, verschiedenen Diskussionsformaten, Workshops sowie Keynotes und Plenarvorträgen von renommierten Expert:innen. An allen teilzunehmen ist ein Ding der Unmöglichkeit, daher folgt hier ein Rückblick auf die für uns relevanten Themen:

Künstliche Intelligenz – Ein alter weißer Mann?

In der Keynote „Treffen sich ein Mensch und ein Chatbot. Wie Menschen und kluge Maschinen zusammenarbeiten können“ betonte Dr. Manuela Lenzen die Notwendigkeit kritischer Reflexion beim Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) und verwies auf deren gegenwärtige Grenzen sowie die langfristige Bedeutung menschlicher Expertise. Sie hob hervor, dass KI-Modelle trotz beeindruckender Fortschritte weiterhin auf menschliche Expertise angewiesen bleiben und mit einem gewissen Bias behaftet sind.

In Ihrem Fazit fasste sie zentrale Empfehlungen zusammen:

  • Ein Chatbot ist weder ein Mensch noch eine Maschine.
  • Stellen Sie Fragen, geben Sie keine Aufgaben.
  • Lassen Sie ihn erklären, was er tut.
  • Je spezifischer die Aufgabe, desto besser die Antwort.
  • Nicht mit sensiblen Informationen füttern.
  • Glauben Sie ihm kein Wort.

Interessant war auch ihre Einschätzung, dass die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz an natürliche Grenzen stoßen könnte – insbesondere aufgrund begrenzter Serverkapazitäten und steigender Energiekosten. Während Sprachmodelle bereits hochentwickelt seien, gebe es im Bereich Bild- und Videoverarbeitung noch Raum für Verbesserungen. Allerdings könnten wirtschaftliche und ökologische Faktoren das Tempo zukünftiger Fortschritte bremsen.

Dennoch lässt sich argumentieren, dass KI-Entwicklung nicht auf einem Plateau steht, sondern sich eher in eine Phase der Optimierung und Spezialisierung bewegt. Technologische Innovationen wie spezialisierte Chips oder Quantencomputing könnten neue Möglichkeiten eröffnen. Wie lange dies jedoch dauere und mit welchen Kosten dies verbunden sei, bleibt offen.

Einen warnenden Hinweis gab es auch in Bezug auf den aktuell in den Daten befindlichen Bias. Menschliche Absicherung der Informationen bleibe essenziell, denn, wie Dr. Lenzen es ausdrückte, „KI ist ein alter weißer Mann“, und bestehende Datenverzerrungen werden uns noch lange begleiten. Fortschritte sind aber auch hier zu erwarten: Durch neue Trainingsansätze und eine bessere Gewichtung aktueller Informationen ließen sich Verzerrungen in der Zukunft gezielt reduzieren.

PROMs im Fokus: Qualität messen, vergleichen, verbessern

Ein Thema, das zunehmend an Sichtbarkeit gewinnt, ist der Einsatz von Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) zur Verbesserung der Qualitätssicherung und Transparenz in der Reha. Bei unserem Diskussionsforum „PROMs-basiertes Benchmarking in der medizinischen Reha: Wie gelingt der Qualitätsvergleich“ im Rahmen des Reha-Kolloquiums beleuchteten Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis, wie PROMs in Benchmarking-Systeme integriert werden können:

  • Dr. med. Susanne Weinbrenner (Deutsche Rentenversicherung Bund) stellte die Reha-Toolbox vor – ein Instrument zur standardisierten PROMs-basierten Qualitätssicherung, das die Einschätzung des Behandlungserfolgs aus Patient:innensicht in den Fokus rückt.
  • Prof. Dr. Holger Schulz & Dipl.-Psych. Volker Beierlein (UKE Hamburg) präsentierten erstmals die Ergebnisse der PROMs-Studie in der orthopädischen Reha mit über 120 Einrichtungen. Die Studie zeigt, dass verständliches Benchmarking über ein Such- und Vergleichsportal realisierbar ist.
  • Manuela Marquardt (Charité - Universitätsmedizin Berlin) gab Einblicke in den ANQ-Messplan der Schweiz, wo PROMs bereits verpflichtend zur Qualitätsbewertung genutzt werden. Dort liegt der Fokus der Veröffentlichung eher auf Versicherern und Kantonen als auf Patient:innen.
  • Dr. Jens Deerberg-Wittram (Charité – Universitätsmedizin Berlin) hob die Bedeutung verlässlicher Messinstrumente für den gesundheitspolitischen Diskurs hervor. Internationale Beispiele belegen, dass PROMs-basiertes Benchmarking bereits erfolgreich umgesetzt wird – Deutschland sollte mutiger voranschreiten.

Die Moderation übernahmen Dr. Ralf Bürgy (MEDICLIN AG) und Prof. Dr. Matthias Köhler (VAMED Gesundheit Deutschland). Im REHAPORTAL werden PROMs auch künftig eine Schlüsselrolle spielen – für mehr Transparenz, bessere Entscheidungen und eine kontinuierliche Qualitätsverbesserung.

Patientenperspektive rückt stärker in den Fokus - und das ist auch gut so

Auch in anderen Programmteilen war sichtbar, dass die Perspektive von Patient:innen stärker in den Mittelpunkt rückt. Auch in den folgenden Sessions spielte der Einsatz von PROMs eine entscheidende Rolle:

  • Jürgen Schmidt, Rüdiger Nübling, Udo Kaiser und Kollegen beleuchteten den Einfluss von Behandlungs- und Hotelleriemerkmalen auf Zufriedenheit und Behandlungserfolg
    in der orthopädischen und kardiologischen Rehabilitation. Ihre Ergebnisse zeigten, dass die Unterbringung eine Rolle spielt, aber die Behandlungsqualität für Rehabilitand:innen klar im Vordergrund steht.
  • Ein Poster des BG Klinikums Duisburg präsentierte die Implementierung von PROMs-Ergebnismessungen zur verbesserten Therapiesteuerung in der stationären Rehabilitation.
  • Prof. Michael Schuler (Hochschule für Gesundheit Bochum) blickte auf die zielorientierte Ergebnismessung (ZOE) nach Gerdes (1998) zurück. Das Konzept sah vor, den Reha-Erfolg anhand individuell gesetzter Therapieziele zu messen – also nur das zu bewerten, was für die jeweilige Person zu Beginn als relevant markiert wurde. Auch wenn ZOE aus methodischer Sicht – etwa aufgrund eingeschränkter Vergleichbarkeit und möglicher Verzerrungen – nicht stabil ist, bleibt die dahinterliegende Idee hochaktuell: Wie kann Reha individuell und zielgerichtet gestaltet werden – und zugleich aussagekräftig gemessen werden?

In der Vortragssession „Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement“ wurden zwei spannende Studien vorgestellt: 

  • Eine Schweizer Pilotstudie untersuchte die Ergebnisqualität in der stationären Rehabilitation mit PROMIS GH-10 und stellte heraus, wie diese Messung zur besseren Steuerung der Patientenversorgung beitragen kann. Beteiligte waren hier Marie Utsch, Manuela Marquardt, Frederike Basedow, Anika Zembic, Gaia Garuffi und Stephan Tobler.
  • Ein weiterer Vortrag analysierte Prädiktoren für Non-Response bei PROMs in der kardiologischen, psychosomatischen und pulmonalen Rehabilitation in der Schweiz und gab wertvolle Einblicke in Faktoren, die die Teilnahme an PROMs-Erhebungen beeinflussen.

Ein Beitrag in der Innovationswerkstatt widmete sich einem KI-gestützten Assistenzsystem, das Patient:innen bei der PROMs-Erhebung unterstützt. Ziel ist es, Barrieren abzubauen und die Datenqualität weiter zu verbessern.

Rahmenprogramm: Historie, Netzwerk und Stadion-Atmosphäre

Das Begleitprogramm des Kolloquiums bot zahlreiche Gelegenheiten zum fachlichen und persönlichen Austausch.

  • Begrüßungsempfang im Alten Rathaus Nürnberg: Die Gastgeber sorgten für einen stimmungsvollen und architektonisch eindrücklichen Auftakt. Im opulenten Saal des Alten Rathauses war Zeit für Networking, aber auch für einen Einblick in die Geschichte Nürnbergs, insbesondere die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die heutigen Bemühungen zur Erinnerungskultur und Versöhnung.
  • Geselliger Abend im Max-Morlock-Stadion: Ein besonderes Highlight – nicht nur für Fußballfans - war der Empfang im Stadion des 1. FC Nürnberg. Nach dem Einlauf durch den Spielertunnel wurden die Gäste direkt am Spielfeld mit Glühwein und Nürnberger Rostbratwürsten begrüßt, gefolgt von einem erstklassigen Buffet und einer Live-Band, die bis in die Nacht spielte.

Das Reha-Kolloquium 2025 hat erneut eindrucksvoll gezeigt, dass die Rehabilitation in Deutschland kontinuierlich neue Wege geht – mit wissenschaftlicher Exzellenz, patientenzentrierten Konzepten und einer starken Vision für die Zukunft.